Harmonie, Bonn, 26.02.2012
"Happy Birthday Mitch"
- Review und Fotos mit Dank an Ronnie -

                

                



 
Kann er es? Wird er es schaffen, „Insider“, Fans und Neulinge im Publikum wieder gleichermaßen zu begeistern – so wie so gut wie jedes Jahr seit bereits vielen Jahrzehnten?
JA, ER KANN, UND WIE!!! 

Mitch Ryder, der stimmgewaltige Sangeskünstler aus Detroit tourt wieder durch Deutschland. Eine schöne Zeit im sonst oft öden Winter, auf die sich die Musikliebhaber landauf landab jedes Jahr freuen – und sie wurden auch dieses Jahr mit einem Konzert der Extraklasse belohnt! Als besonderen Live-Termin hatten wir uns den 26. Februar 2012 herausgepickt: zum einen wegen der tollen Location, der „Harmonie“ in Bonn - da lohnen sich 130km Anreise – und zum anderen jährte sich an diesem Tag die Ankunft eines gewissen William S. Levise alias Mitch Ryder auf dem Planeten zum 67. mal. Und wie fast jeden seiner Geburtstage der letzten Jahrzehnte, verbrachte der Amerikaner Mitch Ryder diesen auf einer deutschen Bühne. Dafür von Seiten der Fans ein ganz herzliches Dankeschön! Es wurde ein wunderbarer Abend, an dem sich Künstler und Publikum sozusagen gegenseitig beschenkten.
Die Musiker von Engerling, der langjährigen Live- und Studioband Mitch Ryders, betraten die Bühne und begannen mit einem Intro, das den Fans eindeutige Hinweise auf einen wieder mal überraschenden Opener lieferte: zuerst setzte Bandleader Boddi Bodag an den Tasten  an, es gesellte sich leises Beckenspiel von Hannes Schulze am Schlagzeug dazu und dann WAMM, alle Lichter und Instrumente an, stimmten Manne Pokrandts Bass sowie die Gitarren von Heiner Witte und Pitti Piatkowski schön hämmernde Akkorde an und mit einer „Dramatik“, die an den Einzug eines Boxers in die Arena erinnerte, kam Mitch Ryder in schwarz gekleidet auf die Bühne, wurde frenetisch empfangen und legte mit dieser unvergleichlichen Stimme los: „Do You Feel Allright?“ waren die ersten gesungenen Worte dieser Eigenkomposition der CD „La Gash“, die sich gewissermaßen zweideutig sowohl an das Publikum richteten, im Song ist aber eine Partnerin gemeint, die – wie sich herausstellt -  drogenabhängig ist und deswegen vor die Hunde geht „crawl away, oh oh, crawl away – I can`t watch you die - I`ll say goodbye“…upps, das hat gesessen.  
Direkt danach wurde ein großer Klassiker geliefert: mit „Rock`n Roll“ zündete ein wunderbarer Song, von dem der Verfasser Lou Reed einmal respektvoll sagte, die Interpretation von Mitch klänge genau so, wie es ursprünglich gemeint war. Alleine bereits der Anfang ist einmalig: Laute Gitarrenriffs und ein brachiales Schlagzeugspiel zeigen, wo der Rock`n Roll den Most holt. Der ganze Song ist ein schöner Brocken und welche Stimme könnte den Text und die Stimmung besser transportieren als Mitch Ryders Powerorgan?
Natürlich folgte die obligatorische augenzwinkernde Eigenvorstellung des Künstlers „Good evening ladies and gentlemen, my name is Mitch Ryder and I´m from Detroit“, eine Information, die für sicherlich keinen einzigen in der vollbesetzten „Harmonie“ – und erst recht nicht für den jüngsten Fan, ein ca. 12-jähriges Mädchen in der ersten Reihe - ein Novum war. Anlässlich Mitch´s Geburtstag haben wir ihm dann auch unterstützt von Boddis keys sogleich ein ordentliches „Happy Birthday“ geschmettert. Die tolle Stimmung blieb das ganze Konzert über erhalten, es wurde kräftigst Beifall nicht nur am Ende der Songs sondern auch nach jedem Solo gespendet, bei vielen Songs klatschte der ganze Saal im Takt mit und es wurde sogar das eine oder andere Tanzbein geschwungen, eine für deutsche Verhältnisse geradezu ausgelassene Partystimmung!  
Mit „When You Were Mine“ folgte ein Song, der auf der von John Cougar Mellenkamp unter seinem Pseudonym „Little Bastard“ produzierten LP „Never Kick A Sleeping Dog“ zu finden ist.

„The Promise“ ist ein wunderbares Eigenwerk von Mitch´s letzter CD „Detroit Ain´t Dead Yet“, das sehr gut die volle Bandbreite dieses Künstlers demonstriert: ein eindrucksvoller Text, der zur Zeit der Wahl von Barack Obama zum amerikanischen Präsidenten geschrieben wurde, tolle variantenreiche Instrumentierung und ein Gesang, der mit Höhen und Tiefen, lauten und leisen Töne alles bietet.
Als Mitch als anschließend einen Song ankündigt, bei dem es um Genmanipulation geht, wird den Insidern klar, dass „It Must Be In Her Genes“ folgen wird (und nicht „It Must be In Her Jeans“, wie ein unwissender Konzertbesucher mal einen Clip auf YouTube betitelt hat). Eine Huldigung an schöne Frauen, die den Sex-Appeal einfach in Ihren Genen haben. Ein Song mit einer herrlichen Brücke, die von Mitch ganz nah an der „Las Vegas Variante“ seiner überragenden CD „Mitch Ryder & The Detroit Wheels – Live In Amerika 2008“ vorgetragen wird. Der „reife Mann“ vernascht mit tiefer, grummelnder Reibeisenstimme die „junge Schönheit“ - köstlich!  
Es folgt die äußerst eindrucksvoll in ein überragendes Lied gemeißelte Abneigung gegen Kriege: „War“ ist eine spannungsgeladene Nummer von der LP „Naked But Not Dead“, bei der alle Instrumente richtig aufdrehen können und in der der Shouter Mitch Ryder seine Wut und Abneigung eindrucksvoll herausschleudern kann.
„One Hair“ heißt die anschließende herrlich funkige Nummer, in der der Künstler das Altwerden sarkastisch auf die Schippe nimmt: …“I want to dance but my legs they do their own thing…I live one hair from desaster and no rodeo could kill me yet….I keep on running if that`s what you can call it“ und das Ganze garniert mit einem Beat, der ordentlich in die Beine geht. 
Daß auch diese Mal wieder „Tough Kid“ auf der Setlist vertreten war, freute mich als nächstes. Eine schnelle, rockige und kraftvolle Nummer, der Opener der großartigen LP „How I Spent My Vacation“, der das Leben eines kompletten Losers vorstellt - ein Gefühl, dass der junge Mitch Ryder wohl gehabt haben muss, nachdem auf den tosenden Ruhm der 60er Jahre mit den „Detroit Wheels“ mit Top-Hits wie z.B. „Jenny Take A Ride“ oder „Good Golly Miss Molly“ der jähe Absturz folgte, da der allzu dominante und skrupellose Musikmanager Bob Crewe den jungen Ryder von seiner Band trennte und mit Maßanzug und Krawatte nach Las Vegas als Cash Cow sandte – eine Metamorphose, die am künstlerischen Kern eines Mitch Ryder völlig vorbei ging und die im Desaster und der Zerstörung des Images endete. Die Enttäuschung und Ohnmacht Mitch Ryders war so groß, dass er sich praktisch ein Jahrzehnt von der Musikbühne zurückzog und mit verschiedensten Jobs – u.a. als Tankwart (unvorstellbar) - seine Brötchen verdienen musste. Aber dann: 1979 flog ein runderneuerter Mitch Ryder mit einer auch heute noch traumhaft abwechslungsreichen LP „How I Sepnt My Vacation“ im Gepäck nach Europa und begründete mit einem bis heute unvergessenen und genialen TV-Konzertereignis im „Rockpalast“ seinen Ruhm in Europa. Der damalige „Erfinder“ und Macher der Rockpalast-Serie, Peter Rüchel, hatte das Engagement von Ryder eingefädelt und wir staunten nicht schlecht, als Peter Rüchel just an diesem Konzertabend in der „Harmonie“ – 33 Jahre nach dem Rockplast-Auftrittt – die Treppe zur Empore hochmarschiert kam und das Konzert mit sichtlicher Begeisterung genoss. Eindrucksvoll auch, wie sich Mitch Ryder und Peter Rüchel nach Konzertende backstage angeregt unterhielten und Mitch ein Exemplar seiner frisch erschienen Autobiographie „Devils &Blue Dresses – My Wild Life As A Rock and Roll Legend“ signierte und Peter überreichte. Ich hätte mir ja direkt auch ein Exemplar zugelegt, aber leider waren bereits alle Bücher vergriffen. Tourmanager Gert Leiser hat aber Nachschub versprochen und so hoffe ich, auf dem bevorstehenden Konzert im Rex in Lorsch ein Exemplar ergattern zu können. Die Rezensionen loben das von Mitch von A-Z selbstgeschriebene Buch in allen Tönen! 
Im Konzert ging es weiter mit einer Überraschung: Lediglich von Boddi Bodag an den Tasten unterstützt sang Mitch mit wunderbarer Stimme „In My Life“ von John Lennon. Ich bin ja zugegebenermaßen nicht der größte Lennon-Fan, aber diese Version ist großartig!
Die offensichtlich Einschätzung von Ray Charles „Ain`t Nobody White“ can sing the blues wurde durch Mitch im Folgenden eindrucksvoll widerlegt. In dieser wie auch in vielen anderen Nummern des Konzertes begeisterte Mitch durch seine Variationen, mit denen er die Lieder instrumentell oder durch geänderten Gesang neu präsentiert.
Wer im Blues hören möchte, wie er Herzen zerreißt, kommt an „All The Fools It Sees“ von der CD „You Deserve My Art“ nicht vorbei. Eine tolle Nummer über enttäuschte Liebe, bei der Mitch die Stimmbänder flattern lässt, dass es eine Freude ist.
Und so eingestimmt folgt eine neue Variante von „Everybody Loses“ (u.a. auf der CD „Detroit Ain`t Dead Yet“) in einer Variante, die mich schier umgehauen hat! Der Gesang beginnt leise, fast nebensächlich und steigert sich in kürzester Zeit zu einer Intensität, die einem die Gänsehaut über den Rücken jagt und den Atem nimmt, bärenstarker Song!
Nun aber genug schwere Kost, mit „Sex You Up“ von der CD „Rite Of Passage“ gibt`s einen schönen Kracher mit herrlich jaulenden Gitarren und einem schönen Mädchen aus der Nachbarschaft im Mittelpunkt, das dem Sänger den Verstand raubt.
Und wenn die Liebelei richtig schief geht, dann findet man sich unversehens frierend in der Hölle wieder und genau dort hin nahm Mitch das Publikum in „Freezin` In Hell“ mit: Ein Werk, in dem die unglaubliche Kraft der Stimme dieses Ausnahmesängers eindrucksvoll zur Geltung kommt. Wow!
Von der gleichen LP, nämlich von „How I Spent My Vacation“, ist das ironische „Nice & Easy“, ein cooler Song, bei dem die Gitarren sich schön mit Mitch`s Gesang abwechseln können. 

Dem letztes Jahr verstorbenen „Dr. Jack“, der sich in den USA für Sterbehilfe einsetzte und auch für deren Umsetzung im Gefängnis landete, zollt Mitch mit „Mercy“ Respekt.
Daß sich viele unterschiedliche Musikstile im Schaffen des Mitch Ryder widerspiegeln, belegt „True Love“, das als waschechter Reggae daherkommt (ursprünglich auf der LP „Naked But Not Dead“) . Musikstil und Rhythmus des Stückes sind eher heiter, der Text ist es dagegen nicht: Mitch Ryder singt von dunklen und schweren Phasen seines Lebens, in denen er unter Drogeneinfluss dem Selbstmord nahe war. Na, Gott sei Dank ist da nichts draus geworden!
Mit „Yeah You Right“ gibt es sowohl vom Musikstil als auch inhaltlich wieder eine Wendung zu ganz anderen Themen: erzählt wird die Geschichte von Frankie, einem Ekelpaket, der seine Mitmenschen und das Haustier schlecht behandelt, sein Sohn landet aufgrund liebloser Erziehung im Knast und eines Abends in der Bar kommt die große Abrechnung für Frankie: als Reaktion darauf, dass er einen Bargast auf den Kopf schlägt, zückt dieser sein Messer und schneidet Frankie in Streifen….“it´s all comin`home, yeah you right….“. Zu finden ist dieses Lied zusammen mit anderen sehr hörenswerten Stücken auf der CD „a dark caucasian blue“.
Als Mitch in der Ansage des nächsten Liedes darum bittet, dass das Publikum ihn unterstützen möge, wissen die Kenner, was höchstwahrscheinlich kommt: ausgestattet mit einem „Heart Of Stone“ geht der Künstler auf die Suche nach einer verflossenen Liebe. Eine herrliche Nummer, bei der alle einen Riesenspaß haben, im Refrain „Heart Of Stone…Heart Of Stone…“ als Echo zu Mitch mitzusingen. Immer wieder saugut!
Von der PL „Detroit“, eingespielt mit der damaligen gleichnamigen Gruppe, bringt Mitch „Long Neck Goose“  das die Engerlinge dermaßen genial spielen, dass es meiner Meinung nach noch besser als das Original war! So was von Dampf und auf den Punkt taktgenau, das war ein Ohrenschmaus!
Und dann ist es leider schon wieder soweit: Mitch verbeugt und bedankt sich mehrfach und geht ab. „Aber Geburtstag hin oder her lieber Mitch, so einfach kommst Du heute nicht in`s Hotelbett“ dachten offensichtlich alle und der tosende Applaus holte zuerst die Band und dann Mitch Ryder auf die Bühne zurück. Als Zugabe brachten sie ein wunderbar sumpfiges „Moondog House“ von der CD „You Deserve My Art“.
Und dann gab´s zum Abschluß der insgesamt 22 Songs umfassenden Setlist noch einen Hammer, bei dem Gitarrist Pitti Piatkowski nochmals sein Können unter Beweis stellen konnte: in einem leicht verfremdeten Intro, das dann immer mehr erkenntlich wurde und in eindeutigen Anschlägen der Saiten mündete, kündigte sich ein Überversion des Hendrix-Klassikers „Voodoo Child“ an. Ein Hochgenuß!
Das war´s dann leider endgültig und dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass Mitch Ryder dieses Jahr komplett auf seine Althits à la „Jenny Take A Ride“ verzichtet hat. Meiner Meinung nach nicht schlimm, denn die Setlist wies keinerlei Schwächen oder Längen auf. Na ja, ein Haar in der Suppe könnte man finden: Seit Jahrzehnten üblich stand die überragende Interpretation des Doors Klassikers „Soulkitchen“ immer am Ende des Konzerts. Wenn es das noch zusätzlich nach Voodoo Child“ hätte geben können…jaja, das wäre die „eierlegende Wollmilchsau die fliegen kann“, gewesen...

Einmal mehr war es ein gigantisches Konzert: ein Mitch Ryder, der bestens bei Stimme war, wurde von seiner hervorragenden Band Engerling begleitet und die nahezu ausverkaufte tolle Location steuerte mit gutgelauntem Publikum das ihrige bei.
Leute, wenn Ihr die Gelegenheit habt, besucht eines (oder mehrere) dieser einzigartigen Konzerte, es lohnt sich wirklich! 

Backstage-Impressionen:


Mitch Ryder´s Frau Megan

        


"Rockpalast-Macher" Peter Rüchel lässt sich von Mitch Ryder sein persönliches Exemplar von
"Devils & Blue Dresses" signieren


"Pitti" nebst Enkelin


v.l.: Ronnie, Tanja, Rainer und Elke

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