nh24 von Rainer Sander
65 Jahre Leben – 48 Jahre Bühnenleben

Mitch Ryder im Fiasko

Kassel. Die Geschichte von Mitch Ryder ist einfach erzählt und doch unendlich schwer zu verstehen. Einst die großen Hallen in Amerika, am Donnerstag das Fiasko in Kassel. Mitch Ryder, das sind am 25. Februar 2010 64 Jahre und 364 Tage Leben - und 48 Jahre Bühnenleben. Über 100 Zuhörer drängten sind in die Gewölbe der ehemaligen Hazienda, wo seine Musik in den 70er schon gelaufen sein mag. Wer erinnert sich daran noch? In Deutschland hört man seine „Neue“ Musik. In Amerika – so sagt er selbst – ist er auf ewig an die alten Hits gefesselt. Die haben ihn einst berühmt gemacht – mit 17 schon begann der steile Aufstieg, gefolgt vom Abstieg und einer Rückkehr, gereift, gestählt, gefühlvoll.

Nur wer versteht, wie unendlich viel Gefühl in einen harten Rocksong und wie viel erlebte Kälte in eine Ballade fließen kann, wird die Geschichte und die Musik von Mitch Ryder verstehen. Bei den Besuchern im gerade noch angenehm engen Fiasko war zu spüren: Viele lebten in Erinnerung, einige lebten mit. Wo früher Bier und Whiskey standen, heute das „Ja“-Mineralwasser auf der Bühne. Mitch Ryder, einen Tag dem 65, hat müde Beine. Der Schritt auf die niedrige Bühne fällt schwer. Das Singen nicht. Die Stimme ist reifer und voller denn je. Der zweite Titel ist „War“, einer seiner druckvollsten Titel – mein Favorit unter den unendlich vielen Songs im Repertoire. Man kann nicht mehr alle Lieder kennen, die Mitch spielen kann. Aber das ist egal. Jeder Titel erzählt seine eigene Geschichte und für manche – die es verstehen – ein Stück vom Leben.

Irgendwann kommt Mitch denn auch selbst mit seinen eigenen CD’s durcheinander. „Ain’t Nobody White” ist – wie War - auf der „Naked But Not Dead“, nicht auf der „Got Change For A Million“. Es sei ihm verziehen, denn es macht ihn noch sympathischer. Sympathie für einen, der in den 60er Jahren schon Star gewesen ist, nie wieder an die ersten Erfolge anknüpfen konnte, aber immer auf der Bühne gestanden hat, jedes Jahr mit mehr Freude, mehr Leidenschaft, mehr Authentizität. Für einen, der nichts anderes tun wird, als auf der Bühne stehen, einen der sich selbst allein am Besten versteht. Weil seine Musik sein Leben ist. Mitch Ryder hat nie in diesem Leben etwas anderes gemacht als Singen und er wird auch nie etwas anderes tun. Er gehört zu denen, die irgendwann von der Bühne getragen werden und denen es gleichgültig ist, ob der Job Millionen oder nur Lebensunterhalt verdient.

Ein wenig können die Zuhörer die lange Lebens-Reise nachverfolgen. Der „Chicken Tale Dance“ erinnert an die ersten Erfolge, als die Kids in den 60ern eigene Tänze auf die Musik erfanden, der Titel „Liberty“ an die kurze Zeit mit „Booker T and the MG’s“ und der Gruppe „Liberty“ Ende der 60er, Anfang der 70er. „Long Hard Road“, ein treffender Titel – das erste Stücke, dass er auf einer deutschen Bühne gespielt hat, Ende der 70er, bei seinem Neubeginn auf Line-Records in Norddeutschland. „Cracy Beautiful“ markiert den ganz neuen Mitch Ryder.

Treu geblieben ist er seit 1994 seiner Deutschen Band „Engerling“ aus Ost-Berlin. Wolfram „Boddi“ Bodag (Keyboards, Gesang), Heiner Witte (Gitarre), Manne Pokrandt (Bassgitarre) und Hannes Schulze - Boddi’s Sohn (Schlagzeug) setzen kraft- und gefühlvoll um, was Mitch Ryder zu singen und zu sagen hat.

In der zweiten Zugabe gehen die Band musikalisch und Mitch Ryder stimmlich ganz aus sich heraus. Standing Ovations gibt es für eine Stimme, die in „Take Me To The River“ alles herausschreit, was in der Musiker-Seele schlummern kann. „Junkie Love” ist die letzte Zugabe von der neuesten CD „Detroit Ain’t Dead Yet“ und räumt auf mit einer Vergangenheit, die es gegeben oder vielleicht auch nicht gegeben hat. „I don’t want your junkie love…“ Der letzte Titel ist „geliehen“, aber als Engerling-Ryder-Version eigen und so wunderbar interpretiert, dass Jim Morrison im Himmel nicht böse sein kann: „Soul Kitchen“. Von der Bühne geht nach über zwei Stunden einer, der immer ein klein wenig unverstanden bleibt, weil nicht viele spüren werden, wie viel Leben, Last, Freude und Liebe in einem jeden Rocksong stecken kann. Mehr als hundert haben im Fiasko etwas von diesem Blues und Soul gespürt. „Habt Freude und ein langes Leben…“ verabschiedet Mitch seine Nordhessischen Fans. Das gilt es zurückzuwünschen…! (Rainer Sander)

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Kassel-Zeitung, 25.02.2010-03-23
Von Kurt U. Heldmann 

Mitch Ryder rockt im Fiasko

Welchen passenderen Ort könnte es für ein Urgestein des Rock und Blues geben, um in seinen Geburtstag hinein zu rocken, als das "Fiasko" in Kassel? Eben! Und Mitch Ryder zeigte, was er auch am Vorabend vor dem Eintritt ins Rentenalter noch drauf hat.

Die - geschätzten - 250 Zuhörer im jedenfalls zeigten sich begeistert über den kraftvollen Rock und den gefühlvollen Blues, die der Altmeister und seine hervorragende Begleitband "Engerling" zum Besten gaben.

Dabei waren sowohl Stücke, die der ein oder andere im Publikum wohl schon an gleicher Stelle in der legendären "Hacienda" gehört hatte, wie auch Material aus der aktuellen CD "Detroit ain‘t dead yet".

Den vor 45 Jahren von keinem geringeren als Keith Richards geprägten Satz, "er ist einer der aufregendsten Sänger, die seit langer Zeit auf der Musikszene aufgetaucht sind", hätte an diesem Abend sicher jeder im Fiasko unterschrieben. Mehr als 20 Songs standen auf der Setlist, darunter so legendäre Stücke wie "War", "C. C. Rider" oder "Take me The River".

Für die meisten hätten es sicher noch einmal so viele sein können und irgendwie konnte man den Eindruck gewinnen, auch Mitch Ryder hätte noch locker weiter machen können.

http://kassel-zeitung.de/cms1/index.php?/archives/9459-Mitch-Ryder-rockt-im-Fiasko.html

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