Potsdamer Neueste Nachrichten 17.02.05

Gewaltige Stimme am Gehstock

Die Rolling Stones sind nicht immer die besten Interpreten ihrer eigenen Songs. Die Begründung für diese gewagte Behauptung lieferte die amerikanische Reibeisenstimme von Mitch Ryder, gemeinsam mit der deutschen Bluesrockband Engerling, am Dienstagabend im gut gefüllten Lindenpark. Schon nach den ersten Nummern dieses Abends, an dem der "weiße Soul-Shouter" einen Querschnitt seines gesamten Schaffens zeigte, forderten einige weibliche Fans lautstark seine Interpretation des Jagger/Richards-Klassikers "Heart of Stone". Der 60-jährige Sänger aus Detroit reagierte geduldig, zeigte sich geschmeichelt und verwies darauf, dass es "noch eine lange Nacht" werde. Mit der Melodie von "Heart of Stone" im Ohr gingen die Besucher dieses magischen Konzertes dann um kurz vor Mitternacht nach Hause.
Mitch Ryder kopiert keine Fremdkompositionen, ähnlich wie die verstorbene Country-Legende Johnny Cash macht er diese zu seinen eigenen. "Gimme Shelter", ebenfalls von den Stones, geriet mit der Ryder-Engerling-Formation zu einem Sturm, im wahrsten Sinne des Wortes, in dessen Refrain sich das Publikum fast wegduckte. Die Stimme dieses Mannes, der fast unbeweglich am Mikro steht und die Bühne, wegen eines Leidens, am Gehstock betritt, ist gewaltig. Bei "Heart of Stone", in dem von der Gefühlskälte einer Geliebten die Rede ist, steigt Mitch mit all seinem gesanglichen Volumen, nahe an der Schreigrenze, voll ein. Dagegen wirkt das Original von Mick Jagger wie ein verzweifeltes Säuseln. Ryder zerpflückt die Stones-Melodie, baut gesprochene Passagen mit ein, wimmert und heult wie wildes Tier. Bei diesem letzten Stück erweckt er das Publikum aus der Zuhörerrolle, fordert es zum Mitsingen auf. Seine kaputte Hüfte hat er jetzt vergessen, er bewegt sich ausgreifend. "Im nächsten Jahr komme ich wieder und tanze für euch", verspricht Ryder zuversichtlich, angesichts seiner bevorstehenden Hüftoperation. 
KaSa

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