Mitch Ryder gibt Lehrstunden in Rock

Im Alter von der Weisheit geprägt, spielt sich die Bühnen-Legende 
im LOKation durch 23 Songs

Von Andreas Beckschäfer


FOTO: BECKSCHÄFER 

Mit Mitch Ryder hat am Mittwoch erneut eine Musik-Legende im Bad Salzufler LOKation gespielt. Zusammen mit seiner Band gab er eine Lektion in Sachen Rock, Blues und Soul.

Bad-Salzuflen. Ein wenig ehrfürchtig mutet die Reaktion der Fans im LOKation an, als eine lebende Legende die Bühne betritt. Denn Mitch Ryder hat - als Musiker und Mensch - einige bedeutende Kapitel zur Geschichte der Rockmusik beigetragen. 

Der Bewegungsradius des Urgesteins wird auf der kleinen Bühne des gemütlichen Clubs den gesamten Abend einen Schritt in jede Himmelsrichtung nicht überschreiten. Der Wirkungsgrad seines musikalischen Outputs hingegen ist enorm. Wild und wütend ist dieser Mann, der einst Ronald Reagan den Song "Er ist nicht mein Präsident" widmete, nicht mehr. Etwas zu sagen hat er jedoch noch immer, auch wenn seine Botschaften im Vergleich zu früheren (häufig von bewusstseinsverändernden Substanzen beeinflussten) Auftritten heuer eher von der milden Weisheit des Alters geprägt zu sein scheinen. 

Liebeserklärungen an seine "neue Heimat" Europa; kritische Worte zum "American Way Of Life"; Eingeständnisse über die eigene Unfähigkeit, Beziehungen zu Frauen zu halten: Mitch Ryder erzählt zwischen den Liedern so jovial, als habe er das Publikum zu sich nach Hause eingeladen. Ein einziges Mal im gesamten Konzert verzieht sich die meist unbewegliche Miene des Meisters unter Hut und Sonnenbrille. Den Song "Shake A Tail Feather" habe er vor einer Ewigkeit, mit 19 Jahren, geschrieben, erzählt er. "Das sei doch erst fünf Jahre her!", ruft einer aus dem Publikum - was Ryder mit einem fast verschämt wirkenden Lächeln registriert. Und tatsächlich fühlt sich dieser Abend so an, als sei die Zeit aus dem LOKation ausgesperrt worden, wenngleich die Stimme bereits das wahre Alter des 65-Jährigen verrät. Denn so sicher doppelt ein stimmliches Vibrato eben nur die Gitarrenlinien, wenn es von der Erfahrung aus fast einem halben Jahrhundert Bühnenpräsenz geschult wurde. 

Seine deutsche Begleitband "Engerling" (Boddi Bodag - Tasten, Heiner Witte, Gisbert Piatkowski - Gitarre, Manne Pokrandt - Bass, Hannes Schulze - Schlagzeug) schafft virtuos den Rahmen, der das Bild des alten Mannes im Zentrum der Musik über jeden (Selbst-)Zweifel erhaben wirken lässt - wozu nicht zuletzt auch die großartige Akustik im Bahnhof beiträgt. Das Set umfasst unglaubliche 23 Songs, Klassiker wie die melancholische Dreivierteltaktballade "Freezin' In Hell" oder der kraftvolle Blueskracher "Ain't Nobody White" inbegriffen. "Soul Kitchen" von den Doors markieren das Ende eines Konzerts, von dem es falsch wäre zu behaupten, es sei eine Lehrstunde in Sachen Rock gewesen. Es waren nämlich zweieinhalb.

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Dokument erstellt am 19.03.2010 um 00:18:02 Uhr

URL: http://www.lz-online.de/kultur/kultur_in_lippe/?em_cnt=3446732&em_loc=13

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