Konzertreview: 
Audimax der RWTH, Aachen, 
02. November 1980
von Rainer Peschen

“My Rock And Roll-Memories” 
(geschrieben am 16.09.06)


Ticket

Setlist (incomplete) inclusive:
Though Kid, War, Ain´t Nobody White, Rock´n Roll Medley incl. Long Tall Sally, Rock´n´Roll, True Love, Soul Kitchen

Ja, ich war echt infiziert! Als TV-Zeuge des Rockpalastfestivals im Jahre 1979 musste ich diesen Mann einfach „Live On Stage“ erleben. Damals war das allerdings gar nicht so einfach für mich - gerade in der Ausbildung, kaum Knete in den engen Jeanstaschen und als siebzehnjähriger natürlich kein Auto um ins 20 Kilometer entfernte Aachen zu kommen. Irgendwie habe ich dann allerdings doch noch alle Hemmschuhe ablegen können denn: Wozu hat man denn die Oma? Manchmal eben auch zum Anpumpen! So war schließlich neben dem Ticketpreis von 15,- DM auch noch die Zugfahrt drin.

Ich erinnere mich an einen sehr kalten, regnerischen Novembertag. Das warten vor dem verschlossenen Audimax wurde so zur Qual. Wann machen die denn endlich die Pforten auf? Schon lange sollte uns Einlass gewährt werden. Lag es an den mageren Besucherzahlen die vor der Halle bibberten? Kleine Grüppchen hatten sich dort versammelt und diskutierten eifrig, Worte wie „Rockpalast“, „Skandal-Auftritt“ konnte ich aufschnappen. Ich unterhielt mich kurz mit einem Fan, der ´79 in Essen persönlich dabei war und sich auch sonst mit Ryder´s Bio- und Discographie bestens auskannte. Dann endlich der Einlass.

Zuerst dachte ich allerdings, ich wäre im falschen Film gelandet, im wahrsten Sinne des Wortes. Die steil nach oben aufsteigenden Sitzgruppen, die schwach gelblich leuchtenden Glühlampen an den Seitenwänden und die mit einem merkwürdigen Vorhang dicht verschlossene Bühne, das alles erinnerte mich mehr an ein 24 Stunden-Pornokino als an eine Konzert-Location. Trotzdem – die Erwartungshaltung stieg um so mehr. Ich hatte es mir in der dritten Sitzreihe vor der Bühne mit ein paar Bieren im Reisegepäck bequem gemacht, optimale Sicht also. Ein Blick nach hinten konnte nur Enttäuschen. Echt wenig Publikum, ich schätze maximal 200 Fans wollten diese Legende hier in Aachen sehen. Viel zu wenig Menschen also um das Audimax mit Leben zu erfüllen.

Der Startschuss fiel beinahe pünktlich mit dem Opener Elephant aus Hamburg, diese Blues-Rockband war Anfang der 80er gerade dabei sich einen Namen unter den Rockkennern zu machen. Mit im Gepäck hatten sie ihre gerade neu erschienene LP „On My Feet Again“. Mir gefiel deren Musik ganz gut, nur der Sound war doch sehr schwammig ausgefallen. Nach ca. 45 Minuten dann Vorrang zu, Pornolicht an den Seitenwänden an und technischer Umbau für den Detroit Shouter. Meine Gedanken kreisten. Wie wird er wohl drauf sein? Ob er vor diesem Auftritt wohl wieder eine halbe Flasche Jack Daniels in sich hineingeschüttet hat wie im vergangenen Jahr beim „Legendary Full Moon-Concert“? Wie wird seine Vulcano-Voice Live klingen? Mitch Ryder hatte zu dieser Zeit gerade einmal zwei LPs bei Line veröffentlicht. Seine eigene Musik eben – keine „Good Old Days“-Revivals zu denen er in Amerika verdammt war. Sein Oldie-Management war eh´ fertig mit ihm. Welche Songs wir er bringen? Ich wurde nervös, der Umbau dauerte ungewöhnlich lange. Plötzlich – Licht aus. Der Vorhang ging auf, es war stockfinster. Auf der Bühne wackelte wirres Taschenlampenlicht herum, man konnte rein gar nichts erkennen. Dann eine Stimme die ich nie vergessen werde was auch immer er mit diesem Satz sagen wollte: „It´s a public to be back in Germany“, sprach Mitch Ryder den man bei dieser Finsternis  übrigens immer noch nicht sehen konnte. Der Klang dieser Voice hat sich in mir eingebrannt, ich habe diesen Satz nie vergessen. Ryder schien aus den tiefen der Hölle entsprungen zu sein.
Endlich Bühnenlicht mit sparsamer Lightshow. Da stand er nun vor mir und schmetterte sein „Tough Kid“ und die Band ackerte um ihr Leben. Er sah beim flüchtigen Hinsehen tatsächlich genauso aus wie vor einem Jahr. Auch bei den Klamotten wagte er scheinbar keine Experimente – ganz in schwarz. Er wirkte allerdings körperlich fülliger. Nach „Tough Kid“ schaute ich dann doch genau hin: Nein, Mitch Ryder war nicht in Form. Sein Kopf war hochrot und seine Augen blickten glasig ins Leere. Er kam mir vor, als sei er nur körperlich anwesend. Er schwankte leicht und bearbeitete seinen Mikro-Ständer und sein Tamburine als ob er beides zerquetschen wollte. Oft lächelte er ins Publikum hinein, doch er wirkte traurig und abgekämpft. Sicher war hier eine gehörige Menge Alkohol im Spiel. Seiner exzellenten Voice tat das allerdings keinerlei Abbruch. Mich überbekam eine Gänsehaut nach der anderen.

Leider habe ich heute die Setlist fast vergessen, damals schrieb man sich ja dummerweise nichts auf, so sind wichtige Fakten verloren gegangen. Ich kann mich allerdings an eine grandios agierende Band erinnern. Das „Dreamteam“ um Mitch Ryder. Der körperlich recht klein ausgefallene Gitarrist Rick Schein und der meist im Slide-Stil spielende Joe Gutc überzeugten mich vollends. Der Drummer Wilson Owens mit freien Oberkörper bearbeitete sein Arbeitsgerät wie ein Berserker. Allesamt waren perfekt eingespielt und brannten auf diesen Gig, man konnte es hören und spüren. Ich ärgerte mich nur wegen dieser unerträglichen Lautstärke. Das war zuviel des Guten, viel zu viel! Die hohen und mittleren Tonfrequenzen schnitten sich ohne Gnade in die Gehörgänge. Warum nur? Das war unnötig.

Weiter zum Konzert und vor allem zu „Mitch Ryder Himself“. Jemand aus dem Publikum rief plötzlich und unerwartet nach ca. vier Songs lautstark „Rock´n´Roll“. Ich weiß nicht, ob dieser Ausruf wirklich der Auslöser für den gleich darauf folgenden Aussetzer verantwortlich war: Mitch Ryders Gesicht verzog sich zu einer brutalen Fratze, er schmetterte sein Tambourine mit Anlauf und voller Wucht auf den Bühnenboden, dieses sprang wie eine Feder auf und verfehlte Rick Schein nur knapp am Kopf. Er starrte noch kurz und reichlich abwesend ins Publikum und verschwand Backstage, die Band spielte noch einige Minuten weiter und tat es ihm dann gleich. Konzertabbruch? Das Publikum tobte und nach kurzer Zeit war die Bühne mit Dosen und Bechern zugeschüttet. Viele verließen die Halle, die verlangten beim Veranstalter sicher ihr Geld zurück. Au weia, noch weniger Publikum! Guck da! Hinter dem Vorhang am Schlagzeug lugte jemand hervor und grinste zynisch: Mitch Ryder! Nach ca. zehn Minuten kam er tatsächlich wieder zurück. Beschwichtigte mit kurzen Armbewegungen die aufgebrachte kleine Menge und setzte das Programm mit einem Rock´n Roll-Medley fort. Es war einfach nur phantastisch. Es schien mir damals, als sei durch seinen Wutanfall ein Knoten geplatzt und er konnte nun endlich frei aufspielen. Er hatte Backstage sein Hemd gewechselt, ganz in weiß, und war auch selber wie ausgewechselt. Nach ca. 80 Minuten reiner Konzertzeit und nach einem grandiosen „Soul Kitchen“ war der Abend schließlich zuende. Ein durch und durch schweißgebadeter Mitch Ryder verließ langsamen Schrittes die Bühne und ich per DB das nasskalte und düster wirkende Aachen.

Was habe ich an diesem Sonntagabend eigentlich erlebt? Was war in diesem Hörsaal für angehende Akademiker passiert? Es war ein wirklich denkwürdiger Abend der mich zum bekennenden Fan werden ließ. „Magie in der Rockmusik“ – da haben wir´s! Zuhause angekommen war mit meinen pfeifenden Ohren an Schlaf kaum zu denken. Meine Gedanken kreisten. Ein paar Stunden Ruhe mussten aber sein, Montagmorgen wartete nämlich schon die gehasste Drehbank auf mich und die Oma will bestimmt bald ihr Geld zurück. 
That´s Rock´n Roll!


Die damals aktuelle LP des Opening-Acts
"Elephant"

zurück zur Autum-Tour 1980

zurück zur Begrüßung

zurück zu Live Talkies plus one extra Live Concert

Home