Konzertreview: Harmonie, Bonn, 27. Februar 2005
von Rainer Peschen

veröffentlicht in der Zeitschrift "Moonhead"


Ticket

Setlist:
1. The Jon
2. Bare Your Soul
3. Jenny Take A Ride
4. Ain´t Nobody White
5. Freezin´In Hell
6. Devil With a Blue Dress On
7. Everybody Looses
8. Liberty
9. It Ain´t Easy
10. Red Scar Eyes
11. Betty´s Too Tight
12. Takin´All I Can Get
13. Yeah, You Right
14. Nice n´ Easy
15. Gimme Shelter
Encores Part 1:
16. Passions Wheel
17. When You Were Mine
Encores Part 2:
18. Market
19. Heart Of Stone

28 Shows in 32 Tagen! Ein gewaltiges Pensum für den Vollblutmusiker, der am 26. Februar während des Gigs in Unna seinen 60sten feierte, sich bei allen Konzerten wie üblich für seine Fans völlig verausgabte und dazu noch mit einem großen gesundheitlichen Handicap rang. Er musste sich nämlich Ende des vergangenen Jahres einer schweren Hüftoperation unterziehen. So kam er auch an diesem Sonntag in der nicht ganz ausverkauften, aber gut gefüllten Harmonie gestützt mittels Gehstock auf die Bühne. „This is my little friend for a while, but next year I will dance for you“ scherzte er, bevor den Stock beiseite legte. Doch der Mensch hatte wirklich starke Schmerzen während der Show, man konnte ihm das bei seinen Bewegungen und in der Mimik deutlich ansehen. Aber er lässt sich einfach nicht unterkriegen, seine Darbietungen litten keinesfalls an seinem Leiden. Im Gegenteil! Er bescherte uns mit Songs die er vor dieser Tournee noch nie in Deutschland spielte und mit dem Mix aus bewährtem Material eine positive Überraschung nach der anderen.
Schon der Beginn überraschte mit dem jazzigen „The Jon“ aus seinem Line Debut-Album „How I Spent My Vacation“ aus dem Jahre 1979. Ja, es waren die vielen Raritäten, die uns diesmal so sehr erfreuten, so z.B. „Bare Your Soul“, auch vom Line-Debut. Hier setzte sich auch erstmalig der Gitarrist Steve Hunter so richtig in Szene. Mannomann, kann der Soli spielen! Er schüttelte seine Gitarrenläufe förmlich aus dem Ärmel. Hunter vertrat den sympathischen Robert Gillespie, der in den vergangenen Jahren in Deutschland immer mit dabei war. Mitch Ryder wünschte sich aber seit langem mal wieder eine Tour mit seinem alten Kumpanen aus den „Detroit“-Tagen und sein Wunsch wurde in diesem Jahr schließlich erfüllt. Hunter ist übrigens ein gefragter Studiomusiker, zu seiner Klientel gehören u.a. Lou Reed, Alice Cooper, Peter Gabriel, Dave Lee Roth usw. Natürlich durfte deshalb ein Song aus dem legendären aber leider viel zu unterschätztem „Detroit“-Album aus dem Jahre 1971 nicht fehlen, der Rocker „It Ain´t Easy“ wurde mit einer atemberaubenden Intensität vorgetragen, es blieb einem förmlich die Spucke weg! Dem „Engerling“ Heiner Witte machte das Zusammenspiel mit dem amerikanischen Top-Gitarristen sichtlich Spaß, es war ein gegenseitiges „Zuspielen“. Auch das beinharte „Betty´s Too Tight“ uferte in einem melodischen Gitarrengewitter aus. Engerling gaben wieder einmal alles. Ich bewundere diese Band. Wie virtuos sie mit den Ryder-Songs umgehen ist einfach genial, genau so muss es klingen! Mir ist es immer wieder schleierhaft, wie die Jungs das alles in der kurzen Zeit der Rehearsals hinbekommen. Ein großes Kompliment!
Der Abend bestand zwar nicht nur aus rarem Song-Material, doch drei Perlen sollten doch noch in diesem Zusammenhang noch Erwähnung finden: „Takin´All I Can Get“, „Passions Wheel“ und „Market“. Erstgenannter ist ein beinahe vergessener Klassiker aus den Detroit Wheels-Zeiten, kommerziell damals wohl eher ein Flop (Juli 1966, Chartplatz 100). An diesem Abend aber sicher ein Highlight, eben ein Lovesong mit „Gänsehautgarantie“, besonders gefühlvoll interpretiert. „Passions Wheel“ (auch vom Line Debut „How I Spent My Vacation“) gehörte zum ersten Zugabenblock. Hier stand Mitch Ryder alleine mit seinen beiden Gitarristen auf der Bühne. Ein folkig angehauchter, gefühlvoller Song, bei dem die Vocals phantastisch herüberkamen. Dazu noch dieses feine Gitarrenspiel, herrlich. „Market“ war eine echte Überraschung, stammt dieser doch aus dem „Monkey Island“-Album, einer CD, die wegen ihrer eher experimentellen Ausrichtung damals im Veröffentlichungsjahr 1999 für einige Verwirrung bei den Fans sorgte. An diesem Abend wollten wir allerdings unseren Ohren nicht trauen, die Live-Version war einfach nur großartig! Dieses Synthi-Intro verfolgt mich noch bis heute und Mitchs elektronisch verfremdeter Gesang konnte dann auch nicht mehr verwirren, einfach passend! Natürlich waren auch die allseits geliebten Klassiker dabei, wie „Gimme Shelter“ und „Heart Of Stone“, diesmal der allerletzte Song dieses Abends. Eine Ryder-Show ohne das abschließende „Soul Kitchen“, das hat es in Deutschland lange nichtgegeben. Ja, es war eben eine neue, kreative Show. Mitch wollte bei der Tour 2005 eine Veränderung und dieses Vorhaben ist ihm wahrlich gelungen!
Dieses, wieder einmal legendäre, Konzert hatte allerdings ein paar „Schönheitsfehler im Publikum“ aufzuweisen. Ein paar völlig besoffene Störer („Fans“ will ich diese Menschen bestimmt nicht nennen) grölten unentwegt in Richtung Bühne und ließen dabei zutiefst beleidigende Kommentare ab, die auf die derzeitige Gehbehinderung von Mitch abzielten. Leute, bleibt demnächst doch bitte Zuhause und sauft Euch dort mit Eurem Fusel dicht! Mehr möchte ich dazu nicht sagen (ist vielleicht besser so)!
Nach dem Gig nahm sich Mitch natürlich wieder viel Zeit für seine Fans, gab Backstage Autogramme und war auch für Gespräche sehr offen. Mein zum signieren mitgebrachtes „Detroit“-Album sorgte dabei nicht nur bei ihm für Aufsehen. „That was the ugliest part of my carier“, lachte Steve Hunter.
Mitch Ryder in Deutschland. Bleibt nur zu hoffen, dass er rasch wieder fit wird und noch oft durch unsere Lande reist. Ein Winter ohne Mitch Ryder-Tour? Uns würde etwas wichtiges fehlen.


 

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