Konzertreview: Hörsaalzentrum Ost,
Bochum, 06. November 1980

von Harald Thon, Artikel aus der Zeitschrift „Spotlight“, Ausg. Feb. 2/81

Im Fernsehen lief nichts anständiges. Am Wetter könnte es gelegen haben. Der erste Schnee, saukalt, Anfang November. Straßenglätte. Trotzdem: Das ein Mitch Ryder- Konzert in einer Stadt, in der 30.000 junge Menschen die Ruhr-Uni besuchen aus dem Audimax in das weitaus kleinere Hörsaalzentrum Ost (600 Leute) verlegt werden muß, dass ist nicht allein mit widrigen Witterungsverhältnissen zu erklären. Fans kommen erst dann nicht, wenn das Verkehrswesen total zusammengebrochen ist.
Auch an der Bochumer Beton-Uni herrschenden technokratischen Studieratmosphäre kann der mangelnde Besuch nicht gelegen haben. So schlimm können Streß und Einöde am Anfang des Semesters noch nicht sein. Ist Mitch Ryder etwa unbekannt? Oder hat ihm sein Rockpalast-Alleingang mit eigensinnigen Showteil trotz musikalischen Bisses doch Minuspunkte eingebracht?
Sind es nicht eher die 16 DM, die zwar im allgemeinen Vergleich nicht viel, aber immerhin was sind, so viel zumindest, wie 2 lange Filmnächte. Und gute 7 halbe Liter Bier. Fragt sich, welcher Genuß den Studenten näher ist, welcher Rausch gibt mehr her?
An diesem Abend wohl die Musik, Denn das zweiteilige Konzert darf als voller Erfolg verbucht werden. Obwohl die musikalische Bombe erst im letzten Drittel explodierte.

Teil1. Eine Vorgruppe. Elephant. Aus Hamburg. Deutscher Rock, englische Texte. Sehr ordentlich, wenn auch nicht das Originellste. Bemüht professionell, mit eigenem LP-Verkaufsstand. Aber hörbar deutsch, ein bißchen matt, soielen offenbar nicht ums Überleben. Gute Bass- und Gitarrenarbeit, gut kommen sie an. Sie fassen sich angehem kurz. 5 Stücke, eine halbe Stunde. Abgang. Zugabe. Abgang. Prima.
Pause. Zu lang. Wie schon zu Beginn bekommt es der Saallicht-Fredi ganz und gar nicht geregelt. Aus-an-an-halbaus 3/ 4 an, ja, sind wir denn auf der Kirmes? Oder gegen wen? Also, diese Umbaupausen: Ich hasse sie. Von wegen, Emotionen der Fans durch Warten hochpeitschen und so. `Ne ganz billige Hinhalte-Schikane ist das. Kein Wunder, daß die Fans ausbleiben.
Teil 2. Da geht es schon weitaus authentischer zu. Und gar nicht mehr matt. Amerikanische Band, amerikanische Musik. amerikanische Texte. Das haut hin.
Obwohl es anfangs noch gar nicht so recht losgehen will. Was auch am Sound liegt. Denn dieser ist nicht gut. Zu laut. Und vor allem in der Slide-Gitarre viel zu schrill. Die Leute, die in der Höhe der Höhenhörner gesessen haben, sie taten mir leid. Denn ein Hörsaal ist keine tumbe Scheune, die mit Sound befeuert werden muß, damit auch der letzte Winkel schallerfüllt ist. Sondern ein Hörsaal ist ein sensibles Bauwerk, in dem man mit groben Vorgehen nur Unheil anrichten kann. Wie geschehen: Zu laut, zu schrill. Ausgeglichen schon, leiser wär´s prima gewesen.Aber so konnte eben nur vorne gut zugehört werden. Dem was die Band wirklich raustat. Und nicht dem, was hinten oben als plumpes Gitarrengesäge ankam.
Daß das Konzert dennoch gelang, ist eindeutig der musikalischen Kraft zuzuschreiben, die mit beginn der vierten Nummer jede Soundunzulänglichkeit vergessen ließ. „Ain´t Nobody White“ nämlich ist der Idealtypus Ryderscher Musik. Höhepunkt der vorletzten Rocknacht, in Melodie, Harmonik und Rhythmus ein Meisterwerk des Detroit Rock.

Der Optik ergeht es wie dem Sound: Ganz vorne muß man stehen, um dabei zu sein. Von hinten sieht man nur, daß Ryder was macht. Aber erst vorne sieht man, was das ist, was er da macht. Das Schiff kommt in Fahrt. Volle Kraft voraus. Mit einer Truppe, die so gut zappeln wie vollmundige Akkorde hinlegen kann, mit zwei starken Gitarristen. Aber jemanden hervorzuheben hieße nur den Rest der Band geringzuschätzen, also: Die Band ist stark. Der Rockpalast-Eindruck war zwar noch stärker, vielleicht weil der Klang durchsichtiger war.
Aber erst Mitch Ryder selbst: Ein Urtyp. Mit einem ganz speziellen Beziehungspunkt: Seinem Mikro. Er wirft es nicht so hoch wie Rod Stewart und er schleudert es nicht so weit wie Roger Daltrey, er ist halt kein Performer für große Hallen. Seine Bewegungen sind eher langsam, bescheiden. Das ist nur etwas für 20 Meter Umkreis, für größere Clubs. Aber was für eine Kraft der Ausstrahlung. Nicht weit, aber überwältigend.
Ryder und sein Mikro. Ein Lehrstück aus „Die Technik und ich“. Vorsicht!! ... da hätte er fast den Mikroständer abgebrochen. Doch nicht. Nochmal gut gegangen. Schließlich sitzt auf dem Stativ das Mikro, sein Mikro. Er packt es hart an. Manchmal. Dann wieder ist er zärtlich zu seinem Mikro, streichelt es, tastet es ab, streift über das Kabel nach unten. Manchmal. Aber er kann auch reinbrüllen, daß ich Angst bekomme um sein Mikro. Er wird es kaputtsingen. Nein, er wird sich kaputtsingen. Sein Gesicht, seine Grimassen, ein irrer Soiegel dieser Welt. Hingabe, Leid, alle Kraft, Alle Zerrissenheit, die Schizophrenie dieser Welt: Er legt es in seinen Gesang. Er ist der traurigste Sänger, den ich je gesehen habe. Er lächelt zwar. Aber er lächelt gebrochen. Er beobachtet das Publikum, stiert in die Ränge und beobachtet traurig. Das war keine Sondershow im Rockpalast im letzten Jahr, das war Mitch Ryder in vollen Umfang und echt.
Da steht er. Wie ein Bulle. Mehr Hals als Kopf. Ein Irrer. Nicht mit der Stopuhr der Rockpalast-Crew einzufangen. Läßt sich von einem Fan einen Schal schenken. Bittet für ein Kuhglockensolo um absolute Ruhe, will nicht einsehen, daß vielleicht nicht alle sein Amerikanisch verstehen und daher nicht die richtige Stille aufkommen kann. Dann besteht das Solo nur aus einem Schlag. Na sowas!
Als ein entrückter Fan die Bühne stürmt und aus vollem Hals mitbrüllt, macht Ryder sein Mikro bereitwillig zum Duo frei. Star und Fan singen ins selbe Mikro, wie Harrison und McCartney damals, der Fan gröhlt sogar in tune. Dann ist der Ordner da. Der Fan wird gegangen.
Riders On The Storm, Devil With A Blue Dress On/Good Golly Miss Molly: Der Hörsaal fliegt ab. Eine Zugabe. Der Hörsaal bebt vor Begeisterung. Da passiert´s. Was passiert?
Das gräßlichste Beispiel deutschen Veranstalterunvermögens, was in diesem Jahr passiert sein kann. Ein Prunkbeispiel diverser und vor allem divergierender Kompetenzen. Das Konzert soll zu Ende sein. Licht an. Bühnenlicht aus. Verstärker aus. Der Mischer wird abgewunken. Verschiedene Kompetente eilen hin und her, geben Zeichen, das mißglückt. Das Saallicht geht wieder aus. Und an. Und halb aus. Und halb an. Der Hörsaal tobt, die Leute gehen noch lange nicht nach Haus, sie wollen feiern, jetzt erst recht. Die Begeisterung ist vollkommen. Die Kompetenten werden unsicher. Zögern. Einzig ein junger Roadie läuft aufgeregt, aber zielbewußt hin und her und versucht allen Beteiligten, Roadmanager und Veranstalter eingeschlossen, klarzumachen, daß man solch einer Atmosphäre doch nicht die Zugabe verweigern kann. Er ist entrüstet.
Denn dieser Jubel ist echt. Keiner geht nach Hause. Licht aus. Gebrüll brandet auf. Licht an. Pfiffe folgen. Ein Choas erster deutscher Ordnung.
Dem jungen Roadie haben es die Leute nach gut zehn Minuten zu verdanken, daß Ryder schließlich doch nochmal heraus bequemt wird. Er legt gleich zwei Nummern drauf. Erst dann ist es gut. Gut war´s.

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