Die - heutzutage überdachten - Zuschauerränge
der Burg Wilhelmstein

Konzertreview: 
Freilichtbühne Burg Wilhelmstein,
Würselen b. Aachen, 13. August 1992
von Rainer Peschen
 


Ticket

Setlist u.a.:
The Terrorist, Do You Feel Alright, It Must Be In Her Genes, War, Jenny Take A Ride/Good Golly Miss Molly, True Love, Gimme Shelter, Soul Kitchen

„Memories“ (geschrieben am 14.02.07)

Ein Cafe gegenüber der Burg Wilhelmstein an einem frühen Donnerstagabend. „Wia wissen et niesch“, so die Antwort der Kellnerin mit sympatischem (?) „Öcher Slang“ auf meine Frage, ob denn heute hier überhaupt ein Konzert stattfindet. Es ist nämlich verdammt leer hier im Cafe und auch auf den Spazierwegen in Burgnähe. Mal gucken, noch ist ja nichts verloren. Ein bischen komisch ist mir schon. Mal nach draußen schauen. Ach doch, so langsam füllt es sich. Mann, schnell, die machen ja schon die Pforten auf! Ruck zuck, das Pils auf EX und WEG.
So richtig romantisch hier auf dem Burggelände. Leider sind die Zuschauerränge nicht überdacht, und das bei diesen dicken, schwarzen Wolken. Die Sitzreihen im Halbrund erinnern mich ein wenig an ein „Mini-Colloseum“ oder, noch besser, an eine Miniaturausgabe der Waldbühne in Berlin. Allmählich wird es voller hier. Ich entdecke einige Hobby-Musiker aus der hiesigen Region in den hinteren Reihen. Na ja, kein Problem, die wollen ja auch mal hören wie richtig gute Mucke klingt.
Die Vorband gefällt mir gut, aus Aachen stammen die Jungs und präsentieren erdigen, tiefschwarzen Blues. Der Sänger hat es mir angetan. Doch doch, der hat´s wirklich drauf (leider habe ich heute den Namen der Gruppe vergessen). Sie machen es kurz, nach ca. einer halben Stunde: Abgang.
Erfreulicherweise hat sich das Burggelände mittlerweile doch ganz anständig gefüllt. Der Name Mitch Ryder scheint auch in den neunziger Jahren immer noch für ein paar hundert Zuschauer eine kleine Sensation zu sein. Das Publikum wird ja richtig unruhig. Vorfreude herrscht um mich herum, das habe ich so nicht erwartet. Aus diesem inneren Gefühl heraus plötzlich das geniale Intro von „Terrorist“, ein Song der CD „La Gash“, erst ein paar Tage auf dem Markt und den meisten hier, wie auch mir, noch unbekannt. Nach den ersten Takten taucht Mitch auf und das Publikum jubelt, ja, es schreit förmlich. Ich schaue meinen Kumpel an, der schaut mich an. Wir können es nicht fassen, diese Musik, dieser phantastische Klang, diese Voice! Einfach unglaublich. Ich verfolge den Weg von Mitch Ryder schon lange, aber was hier heute abgeht sprengt wahrlich unser aller Vorstellungskraft. Das Publikum tobt tatsächlich noch immer wie wild, den ganzen Song lang. „Good Evening. My Name Is Mitch Ryder, I´m From Detroit“. Ja, Mitch ist sichtlich gerührt. „Don´t stop! I enjoy that“, scherzt er. Älter ist er geworden, die Haare lichter, eine dunkle Sonnenbrille versteckt seine Augen. Er scheint aber in Topform und hat eine immense Austrahlung, dieser Eindruck wird durch die tiefschwarze Kleidung noch verstärkt. Er wirkt gelöst, ruhig und gelassen. Diese Stimme ist einfach nur gigantisch, sie ist mit den Jahren noch reifer geworden und seine Darbietungen dringen in dieser Färbung noch tiefer in unsere Ohren und Seelen. Manchmal wird mir bei seinen diesmal eher sparsam eingesetzten Super-Turbo-Shouts gar Bange von wegen dem etwas morsch wirkenden Burggemäuer gleich hinter den Musikern. Die Band agiert auf höchstem Niveau, zwar ist von dem „Dreamteam“ um Rick Schein, Billy Csernits, Wilson Owens, Mark Gougeon und Joe Gutc nur noch letzterer übrig geblieben, doch das tut der Darbietung heute nun wirklich keinen Abbruch. Mitch präsentiert  seine „Euro-Klassiker“, vermischt diese mit drei Songs des aktuellen Albums. „Do You Feel Alright“ - herrlich!
Die Wolken ziehen langsam bedrohlich auf. Dann die ersten Takte von „Gimme Shelter“ - plaaatsch - ein gewaltiger Wolkenbruch, es schüttet von einer Sekunde auf der anderen wie aus Eimern. Wir sind im nu bis auf die Knochen durchnässt und lachen uns beinahe kaputt, denn: Welcher Song hätte jetzt im Moment schon besser gepasst? Achtung, Feind in Sicht! Vorne an der Bühne torkelt ein Betrunkener herum, er hält, steif wie er ist, einen Becher in der ausgestreckten Hand und - oh neiiiin - kippt den Inhalt (vermutlich Regenwasser) in das Gesicht von Mitch. Zum Glück ist „Gimme Shelter“ gerade zu Ende gespielt. Was wird nun passieren? „Thank you, mad dog“, cool wischt der sich über sein Gesicht und der Fall ist erledigt (au weia, wie hätte Ryder wohl in den frühen Achzigern auf so eine Unverschämtheit reagiert?) So, sage ich zu mir selbst, heute kann man weder uns noch den agierenden auf der Bühne den Abend verderben. Gar nichts, kein Regen und gar niemand, auch kein Berufstrinker! Basta!
Schade, der Abend klingt so langsam aber sicher aus (heutzutage könnte ich mir in den A... beissen, keine Setlist notiert). „Soul Kitchen“ verzaubert uns zum letzten Mal, mysteriös, dunkel, intensiv. Mitch Ryder hat uns alles gegeben, er verlässt die Bühne zum letzten Mal nach dieser zweiten Zugabe. Jeder hier auf der Burg ist zufrieden und jeder hier ist einfach nur triefend nass! Kaum jemand aus dem Publikum hat das Gelände während des wirklich sehr starken Regens verlassen. Zu tief berührte und fesselte uns alle die Musik dieser Legende.

Mein persönliches Fazit dieses denkwürdigen Abends: Dieser Gig wird in meinen „ewigen Top Ten“ für immer ganz vorne stehen, denn eine neue Sicht in Sachen Musik ist mir damals bewußt geworden: Es gibt für uns Rockfans selbst in der heutigen reichlich abgefuckten Zeit noch immer phantastische Konzerte, keine Frage, es gibt aber auch immer noch, wenn auch lange nicht bei jedem Gig, „magische Momente in der Rockmusik“. An diesem 13. August 1992, heute vor beinahe 15 Jahren, bekamen wir gar beides präsentiert. Danke Mr. Mitch Ryder!

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