Sinkkasten, Frankfurt/M., 14.03.2010


 


Ticket
- mit Dank an Ronnie -


Ticket (alternativ)
- mit Dank an Jutta und Ralph -



Review (mit Dank an Ronnie)
Ich hatte bereits das Glück und das Riesenvergnügen beim Konzert von Mitch Ryder und Engerling am 28. Februar 2010 in der Harmonie in Bonn dabei gewesen zu sein. Mann, das war DAS Konzert der Konzerte!!! Der ausverkaufte Saal dort war energiegeladen vom ersten bis zum letzten Song, Mitch und die Band gaben Alles auf allerhöchstem Niveau, ein Hochgenuss!!!
Da fragt man sich natürlich schon ob es überhaupt sinnvoll ist, ein weiteres Konzert im gleichen Jahr zu besuchen, denn „noch besser“ geht definitiv nicht und ob es noch mal so gut wird…? Aber ich wusste die Antwort ohnehin bereits vorher: Ein Mitch Ryder Konzert ist ein Mitch Ryder Konzert ist ein Mitch Ryder Konzert! Es ist zwar schwer zu glauben, aber Mitch Ryder ist einer der wenigen Künstler, die es fertigbringen im Alter noch wesentlich besser zu werden und ein Konzertbesuch lohnt sich garantiert! Seine Stimme ist mittlerweile überragend, von höchsten Kopftönen, Falsett, über mittlere und tiefere Stimmlagen, Vibrato, bis in zu den berühmten Screams, diesen übernatürlichen Schreien, zu denen kein anderer Sänger dieser Welt fähig ist. Dieses Spektrum kann Mitch während eines Konzertes abrufen und er tut dies auch reichlich, verpackt in eine sehr abwechslungsreiche Setlist, die sich über mehr als 4 Jahrzehnten Musikgeschichte spannt! Mitch Ryder gelingt es, in einen einzigen Song mehr Emotionen und Leben zu legen als die meisten sogenannter „Stars“ in einer ganzen Show zeigen. Wer dies nicht glaubt, möge sich doch bitte einfach mal die letzten CD´s des Meisters zu Gemüte führen: ich rede da von der „Trilogie“ bestehend aus „A Dark Caucasian Blue“ (2004), „The Acquitted Idiot“ (2006) und „You Deserve My Art“ (2008) sowie dem überragenden Konzertmitschnitt „Air Harmonie – LIVE in Bonn 2008“ (enthält eine Bombenversion von „Long Hard Road“), alle erschienen beim Berliner Label Buschfunk und mit der hervorragenden deutschen Band „Engerling“ eingespielt, sowie das neueste Werk „Detroit Ain´t Dead Yet (The Promise)“, das 2009 mit der Produzentenlegende Don Was und Top-Musikern in den Henderson Studios in Los Angeles aufgenommen wurde. Auf diesen Werken bekommt der Musikfreund gekonnt ein riesiges Spektrum an Musikstilen geboten: Blues, Soul, Gospel, Rock, Mariachi, Boogie, Rock`n Roll, Funk, Ballade, Ragtime…und in allen Titeln diese unvergleichliche Stimme – wobei Mitch nie aufhört, an seiner Stimme zu arbeiten und neue Töne zu entdecken. Aber Vorsicht für „Anfänger“: „leichte Kost“ sind viele der Melodien nicht! Die Songstrukturen erschließen sich teilweise erst allmählich, nach mehrmaligem Hören, und je nach eigener Stimmungslage wirken manche Titel völlig anders als beim letzten Durchgang. Ich vergleiche die Lieder gerne mit Diamanten, die unterschiedlich leuchten und funkeln, je nachdem wie Du sie ins Licht hältst. Und genau das macht in meinen Augen gute Musik aus! Ich habe doch lieber Musik, die sich mir erst mit der Zeit langsam erschließt, mir dann aber ums so mehr und vor allem länger Freude macht, als einen glatten Ohrwurm, der gleich beim ersten Mal „reingeht, und den Du nach dem 5.ten Mal nicht mehr hören kannst.
So, das musste ich auch mal loswerden, aber nun zum Konzert am 14. März im Frankfurter Sinkkasten. Kurz gesagt: es war klasse! Handgemachte, mitreißende, faszinierende Musik gespielt von der Profiband Engerling und gesungen sowie performed von der lebenden Legende Mitch Ryder himself! 23 abwechslungsreiche tolle Songs, verschiedene Musikstile, langsam bis schnell, laut bis leise, präsentiert von einem ironisch-gelassenen Künstler. Musikfan, was willst du mehr?

Hier die Einzelheiten: der Sinkkasten ist eine Institution für Livemusik in Frankfurt, wurde 1971 als Jazzclub gegründet und bietet diese schöne Atmosphäre eines Musikklubs. Meines Erachtens alles viel intensiver als in einer großen Halle. Bessere Akustik und man kann schön nah am Geschehen auf der Bühne (oder an der Theke:-)) sein.
Die Show startete mit „Masters of War“, eine langsame Nummer und ein Cover des genialen Bob Dylan. Was für ein Hammertext: Nur 4-6 „kleine“ Worte pro Zeile – aber welche Durchschlagskraft! Ein Anti-Kriegssong, dessen Logik man sich nicht entziehen kann. Es sei denn, man ist vielleicht einer der angesprochenen „Masters Of War“…Mitch hat das Arrangement des Originals (nur Gitarre) verändert, indem er anfänglich ganz spärliche und leise Instrumentierung wählt, die sich dann steigert und immer druckvoller wird! Sein Gesang ist äußerst beeindruckend, eindringlich, gefühlvoll, mit leichtem Vibrato und erzielt so die höchste Wirkung. Gefällt mir viel besser als das Original mit dem jungen Dylan (wäre aber auch mal spannend, wie dieser das heute mit seiner meiner Meinung nach viel besseren „Altersstimme“ singen würde).
Das Publikum ist auch begeistert und heißt Mitch herzlich willkommen! Dieser stellt die langjährig bewährte Band für Touren in Deutschland/Europa und für Studioaufnahmen vor: Engerling! Als „Gastgitarrist“ Gisbert „Pitti“ Piatkowski an der rechten Gitarre, Manne Pokrandt am Bass, Hannes Schulze an den Drums, Heiner Witte an der linken Gitarre und vorübergehend wurde der erkrankte Boddi Bodag an den Keys von Danny Dziuk würdig vertreten. Danny betreibt unter anderem eine eigene Band mit dem lustigen Namen „Dziuks Küche“ (ist das am Ende die Soulkitchen?) und ist bestimmt dem ein oder anderen als Stoppoks ehemaliger Keyborder bekannt. Danny machte seine Sache hervorragend, er passte sich offensichtlich ohne lange Proben prima in die Band ein. Sein Sound und sein Spiel waren etwas anders, als man es von Boddi gewohnt ist, aber ebenfalls hervorragend. In einigen Passagen erinnerte mich sein Sound sehr an den Keyborder der 80er, Billy Csernits. Die ganze Band ist klasse, höchstes Niveau! Leider kann ich nicht im Einzelnen auf alle Spielkünste der Bandmitglieder eingehen, sonst platzt der Bericht aus allen Nähten…

Mit dem zweiten Song wurde langsam Fahrt aufgenommen: „Terrorist“, eine Midtempo-Nummer  von der CD „La Gash“, der sich mit der Gemütslage und möglichen Gründen für diese „Berufsgruppe“ beschäftigt. 

Weiter ging es mit einem meiner ewigen Lieblingslieder „War“ (von der LP „Naked But Not Dead“). Nu war´s aber vorbei mit „langsam“ und „Midtempo“. „War“ ist eine Powernummer mit hohem Beat, kräftigen Gitarren, fettem Bass und ordentlichen Keys, ein musikalisches Powerstück, das den Sinn des kreativen Textes unterstreicht, der sich gegen Krieg und den damit verbundenen Tod wendet. 

Als letzter Song, der sich mit dem Thema Krieg beschäftigt, präsentierte Mitch das druckvolle „Bang Bang“ von der LP „Got Change For A Million?“. Hiermit hat er vier Anti-Kriegs-Klassiker konzentriert an den Anfang der Show gestellt and macht damit sein langjähriges Engagement gegen Kriege und sinnlose Gewalt deutlich. 

Als musikalischer Stimmungsaufheller folgt sodann ein wunderbares „21st Century“ aus der CD „You Deserve My Art“. Mitch brachte hierfür Jazz und old school Rock`n Roll zusammen, eine tolle Nummer mit ordentlich viel Piano und Beat. Textlich ist`s aber schon ironisch-gesellschaftskritisch: „Well I went to the market, just to get some bread, An`in the frozen meats, I saw a part of my head”…

Da kann man sich mit den “12 beers in the fridge” aus “The Thrill Of It All” (von der LP “Never Kick A Sleeping Dog”) erstmal beruhigen…aber auch nicht lange, denn der Beat, die Situationsspannung und Mitchs Gesang reißen einen ordentlich mit…der Song wird nach aufgewühlter, einsamer Nacht langsamer, scheint zu Ende…Stille…aber nein! Drei harte, laute Drumbeats und die Post geht noch mal richtig ab, fette Gitarren und Screams von Mitch, die durch Mark und Bein gehen. Das ist der Rhythmus, bei dem jeder mit muss!

Da das Publikum mittlerweile gut in Schwung gekommen ist, kann jetzt mit „Shake A Tail Feather“ (u.a. auf „The Story Of Pop – Mitch Ryder & The Detroit Wheels“) ein echter Tanzhit gezündet werden. Mitch macht sich in der Ansage noch gekonnt über die damals dazugehörige Tanzchoreographie lustig, mit der man heute wahrscheinlich keinen mehr hinter dem Ofen vorlocken könnte…oder vielleicht doch, Moden wiederholen sich ja schließlich auch. Die Nummer geht in die Beine und wird ordentlich beklatscht.

Nach so viel Albernheit geht´s „halbernst-ironisch“ weiter: Mit „It Wasn`t Me“ (von der wunderbaren CD „Rite Of Passage“, erste Sudio-CD mit Engerling aus 1994) sendet Mitch eine sogenannte „artist to artist message“: nachdem Mitch den Song „When You Were Mine“ von Prince gecovert hatte und für seine Version überschwängliche Kritiken erhielt, reagierte Prince und sein Umfeld säuerlich. Daraufhin schrieb Mitch „It Wasn`t Me“ mit ironischem Text und Hinweisen, dass auch ein Herr Prince ungefragte Anleihen in seine Kunst einbaute. Tolle Nummer mit schönen Gitarrenparts; wurde dieses Jahr nochmals gründlich „renoviert“ und klingt frischer.

Jetzt ist es aber Zeit, der damaligen Supergruppe „Detroit“ Tribut zu zollen: Von der gleichnamigen LP gibt es den Starttitel „Long Neck Goose“, der höllisch abgeht und seinerzeit als die Fortführung der energie- und temporeichen Hits von Mitch Ryder & The Detroit Wheels gedacht war. Hier kann der Shouter Mitch seine Kunst zeigen: mit so einer Sangespower auch noch so ein Tempo bolzen…Hammer…und nebenbei: der Mann wurde dieses Jahr 65!

Schon machen wir wieder einen Riesensprung: zeitlich vom Jahr 1971 nach 2009 und musikalisch geht es jetzt ruhiger aber trotzdem sehr beeindruckend weiter: mit „The Promise“ bringt Mitch Ryder einen tollen Titel, der der aktuellen CD „Detroit Aint Dead Yet“ (wird von den Amis DADY abgekürzt) den Untertitel beschert hat. Mit einem tollen kurzen Rhythmus-Intro wird die Einstimmung gemacht, dann kommt eine Wah Wah-Gitarre dazu und schon legt Mitch mit engagierter Stimme los. Es geht um Not und Ungleichverteilung in der Welt sowie um die Aufforderung diese zu beseitigen. „I see change and I´m feeling stronger, there´s nothing left to fear…” Tolle Nummer!

Eben war das Tempo noch etwas gesetzt, schon geht wieder die Post ab! Mit „One Hair“ (auch von „Detroit Ain´t Dead yet“) lässt Mitch eine soulig-funkige Nummer vom Stapel, die sofort in die Beine geht und das Publikum wieder in Bewegung bringt. Toller Kotrast zum vorigen Song, die Gitarren und der Beat gefallen mir sehr! Mitch nimmt sich selbst and das Altwerden auf die Schippe…aaah, toller Groove, könnte ewig weitergehen.

Es folgt das balladenhafte „Crazy Beautiful“ (drittes und letztes Lied von DADY). Eine wunderschöne melodische Nummer, die Mitch mit gekonntem Gesang dominiert. Es geht um das Leben und die Gegensätze von Schönheit und Verrücktheit. Ich muss gestehen, in allen Einzelheiten habe ich den Text noch nicht übersetzt/verstanden…da sind mit Sicherheit auch wieder autobiographische Elemente drin. 

Aber jetzt wieder STARKSTROM AN: Mit „Long Hard Road“ bringt Mitch den Powersong, mit dem er 1979 den Rockpalast in der Essener Grugahalle gestartet und eine grandiose Show hingelegt hat. Wer morgens Probleme hat wachzuwerden oder demnächst droht an Frühjahrsmüdigkeit zu leiden, dem sei dieses Lied wärmstens empfohlen (ist auf der „Air Harmonie-Live in Bonn 2008“): rein in den Player und volle Pulle!!! Das Ding geht besser ab als Schmidt`s Katze, Hannes bearbeitet die Drums, dass es eine Freude ist, Mannes Bass passt wunderbar dazu, die Gitarren kreischen göttlich und trotzdem harmonisch-melodisch, die Keys geben besondere hämmernde Akzente dazu und über allem ein Mitch, der einen mit grandioser Stimme, hohem Tempo und Taktgenauigkeit vom hektischen, teils unerfüllten Leben eines Rockmusikers erzählt: „bar hoppin`, finger poppin´, just got back into town…“ Warum hört man eine solche Hammernummer nicht mal im Radio??? Alles Luschis…

Im Anschluss eine Nummer, die man nach Erscheinen wenigstens einige Jahre öfters im Radio gehört hat. Und wenn ein Moderator sich heutzutage „traut“ etwas von Mitch Ryder zu spielen, greift er meistens zu dieser Nummer: „Ain`t Nobody White“. Ein Klassiker aus Mitch`s Eigenkompositionen, der unter anderem thematisiert, dass ein gewisser Ray Charles einmal behauptet hat, kein Weißer könne überhaupt den Blues singen. Na, ich bin mir sicher, Ray war nie auf einem Mitch-Konzert! So singt Mitch auch leicht bissig „hey Elvis Costello, I think I might agree, the man must be too blind to see…”. Tolle Midtempo-Nummer mit schön viel Keys und Gitarren, “zahmer“ Gesang, keine Screams. Na ja, muß ja auch mal sein:-).

Anschließend wird es sehr ursprünglich und sehr bluesig: Mit „The Porch“ (aus „A Dark Caucasian Blue“) hören wir eine grandiose, sehr zurückhaltend instrumentalisierte Nummer, in der die Drumsticks auf den Rahmen geschlagen, die Mundharmonika, ein bisschen Gitarre und Mitch`s Stimme die Hauptrollen spielen. Der Song erinnert an den US-Blues der 30er Jahre und der Text ist mal wieder klasse! Beschreibt die Stimmung in einem verpennten Nest, in dem schon mal schnell die Kugeln pfeifen oder Nebenbuhler mit dem Auto so kunstvoll angefahren werden, dass sie in hohem Bogen von der staubigen Strasse in Omas Vorgarten fliegen…“you know, once people get to drinkin` and start to feelin`good they don´t care what you play as long as you crack wood!”

Das war die Ruhe vor dem Sturm, denn jetzt folgt eine Nummer, an der ich mich bereits seit 30 Jahren nicht satt hören kann. Ich habe lange Jahre die Studioversion für die beste gehalten, da dort eine so geniale Stimmung mit Keys, Gitarren, Drums, ganz behutsam am Anfang gespielt wurde, Mitch überragend ruhig und tief sang…sich langsam steigerte und dann auf einmal EXPLODIERTE! Die Rede ist vom fabelaften „Freezin` In Hell“, ich habe es mal „die Mutter aller geilen Songs“ getauft (erstmals auf „How I Spent My Vacation“). Aber die diesjährige Variante ist dem Original mindestens ebenbürtig: grandios gespielt und dieses Mal hatte Mitch eine Power und Lautstärke in die Sreams gelegt, dass ich dachte, jeden Moment brennen alle Sicherungen im Umkreis von 1 km durch! Waaaaahnsinn!!!

Nach so schwerer Kost muss erstmal alles ein bisschen durchgelockert werden. Das kann man hervorragend mit dem soulig-rockig-funkigen „Liberty“ (vom `69er „The Detroit-Memphis-Experiment“). Ein genialer Song, der schön unbeschwingt abgeht und alle in Wallung bringt. Sehr schön, wie die gesamte Band nach einem wiederholten stakatoartigen Zwischenpart immer wieder von neuem hohe Fahrt aufnimmt. 

Es folgt der Song, wegen dem Prince und Konsorten etwas unwirsch wurden und der zu „It Wasn`t Me“ geführt hat (siehe oben): „When You Were Mine“ von der „Never Kick A Sleeping Dog“). Es geht um einen Mann, der seiner Freundin sehr liebte und zu viel vertraute und als Lohn ihrerseits mit konsequentem Betrug gestraft wurde… Toll gespielt, toll gesungen. Für meinen persönlichen Geschmack ist das Lied etwas zu „mainstreamig“, aber was soll`s, so was muß ja auch mal sein.

Dafür ist die folgende Nummer ganz und gar nicht „mainstreamig“. Das Original von Al Green war es damals schon nicht und was der gute Mitch daraus gemacht hat, ist meiner Meinung nach der Wahnsinn! Es startet mit Hannes` Drums, dann gesellt sich Mannes Bass dazu und als nächstes setzen nacheinander die Gitarren und Keys ein…der Deckel kommt auf den Kessel und jetzt wird das Feuerchen untendrunter immer heißer…wenn erste Dämpfe dem Kessel durch Überdruck entweichen setzt Mitch`s Gesang ein...alles steigert sich weiter, mehr Dampf und Buuuum, die erste Explosion: der Deckel fliegt in hohem Bogen weg, Gesangs- und Gitarrenxplosionen….neuer Deckel, neuer Dampf….once more, and again and again…Stimmexplosionen von Mitch werden von jaulenden Gitarren und den Jungs der Band als fordernde Background-Sänger begleitet….“Take Me To The River…“ Das Ding wird eine stampfende, heiße, feurige Masse und lässt das Original im Schatten stehen! 

Und auf einmal…was ist das? Mitch verabschiedet sich durch den Soundteppich des Gitarrenduos? Jetzt wird einem erstmals bewusst, dass bereits 19 Nummern und ca. 2 Stunden vergangen sind. So einfach lassen wir die Protagonisten aber nicht Feierabend machen, frenetischer Applaus bringt alle Gott sei Dank recht schnell wieder auf die Bühne und weiter geht der freudige Abend mit dem Zugabenteil:

Eine eindeutig wiederzuerkennende Einleitung aus Drums und Bass bringen uns auf unserer musikalischen Zeitreise wieder vorübergehend in die 60er zurück: „Little Latin Lupe Lu“ (u.a. auf „The Story Of Pop – Mitch Ryder & The Detroit Wheels“) besingt ein bezauberndes weibliches Wesen, das wohl eine Mischung aus Jennifer Lopez, Chakira und Marilyn Monroe gewesen sein muss…:-). Eine schöne musikalische Spannungskurve wird aufgebaut, die sich dann mehrfach im tempogeladenen Refrain entlädt. Beeindruckend: vor der letzten Refrainrunde folgt Mitch`s Aufforderung, das Ganze noch mal mit „a little bit moooooore feeeeeeling!“ zu unterlegen und ab fährt der ICE, begleitet von Mitchs herrlichem Tambourin, das damals zum charakteristischen Motownsound gehörte und dass dieser in vielen seiner Stücke eindrucksvoll einsetzt.

Dann folgt eine Nummer, die mich bereits beim Bonner Gig am meisten überrascht hat: Das autobiographische „Do You Feel Alright?“.  Ein langsameres Lied mit sehr einfühlsamem Gesang, wurde musikalisch gründlich überarbeitet und strahlt in einem nie dagewesenen Glanz! Insbesondere der feine Klangteppich, den der Gitarrist Heiner Witte in ganz enger Abstimmung mit dem Keyboard direkt in Herz und Hirn des Zuhörers zaubern, ist famos! Das Ding ist ein Juwel!

Die letzten Töne von „Do You Feel Alright?“ schweben langsam von dannen und man ist noch etwas gedankenversunken, als Mitch eine weitere „Ballade“ ankündigt…jaja, ok…und dann POWER-EXPLOSION: ein nochmals mit Sprengstoff, Chili und einer Prise Punk angereichertes „Tough Kid“ (vom Meisterstück „How I Spent My Vacation“) fetzt aus den Boxen, dass den Zuhörern die Frisur neu geordnet wird! Wahnsinnspower, passend zu dem beißend-ironisch-sarkastischen Text, der einen Totalversager beschreibt, keine Freunde, keine Kohle, kein Auto, dem sogar der Hund weggelaufen ist…“put down the bible, don`t hide behind the cross, face the truth you sucker you, your life´s a total loss...well it`s tough kid…“. Ganz starker Tobak! 
Bei „Tough Kid“ und auch bei einigen anderen Stücken bzw. Passagen zeigte sich, dass meiner Meinung nach der Lautstärkepegel insgesamt etwas zu hoch angesetzt war. Hier wäre etwas weniger mehr gewesen. 

Nach dieser dritten Zugabe hat das Publikum glücklicherweise immer noch nicht genug, denn so kommt Manne zurück auf die Bühne und stimmt mit einem typischen Bass-Solo eine Nummer an, die seit Jahrzehnten traditionell bereits viele Konzerte von Mitch Ryder beendet: „Soulkitchen“ von den Doors, in einer Interpretation die ich – bei allem Respekt – für deutlich besser als das Original halte. Ein wunderschöner Klangteppich aus den Keys, behutsame Gitarren und Drums und ein psychedelisch angehauchter Gesang von Mitch ziehen einen in den Song hinein…“Well, the clock says it`s time to close – now…I guess I´d better go –now…I`d really like to stay here all night…“ und dann baut sich zügig Druck auf der sich in einem explodierenden Refrain entlädt, bei dem Mitch nochmals die geballte Kraft seiner Stimme in das Publikum, das kräftig mitsingt, schleudert: „Let me sleep all night, in your soulkitchen, warm my mind near your gentle stove…“. Vor dem letzten Refrain fordert Mitch das Publikum singend auf, ihm den Einsatz zu singen und hält das Mikro in den Zuschauerraum, das lassen wir uns natürlich nicht zweimal sagen und ab geht der gemeinsame Gruppenbrüllgesang, sehr befreiend :-), aber an Mitch`s Orkan-Organ kommt keiner ran.
Ein punktgenaues Schlussakkord-Stakkato aller Bandmitglieder beendet den Song und das Konzert, Licht an, „wach“ werden, zurückkehren in`s Hier und Jetzt…schade…

Fazit: Eine grandiose, sehr abwechslungsreiche Setlist aus 23 Songs, tolle Musik aus über 4 Jahrzehnten, eine hervorragende Band Engerling und ein Mitch Ryder mit einer weltweit einzigartigen Stimme, der auf jedem Konzert wirklich alles gibt für sein Publikum. Ihr Unentschlossenen oder Zweifler, die ihr noch nicht oder lange nicht mehr auf einem Konzert wart: das müsst Ihr Euch ansehen, ihr werdet nicht enttäuscht sein! Und bis zur hoffentlich nächsten Tour im folgenden Jahr gibt es in den vielen CD´s ordentlich etwas zu entdecken. In dem Zusammenhang sei www.spitting-lizard.de von Rainer erwähnt, eine tolle Homepage, auf der man sich ganz hervorragend über das musikalische Lebenswerk von Mitch Ryder informieren kann.


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