Sinkkasten, Frankfurt, 15.03.2011
(Review, Fotos und Abbildungen mit Dank an Ronnie)

Ticket
(Mit Widmung für mich, Rainer - Danke Ronnie, Danke Mitch!
Das bedeutet mir sehr viel!)

 
“And then I heard this voice, Now I`m a believer…“ so möchte ich in leicht abgewandelter Form eines Welthits mal den Bericht zum Konzert von Mitch Ryder & Engerling am 15.03.2011 im Frankfurter Sinkkasten anfangen. Warum? Nun, weil es so war: Einmal diese einzigartige Stimme gehört und seitdem fasziniert! Wird denn das nicht langweilig? Nöö, ganz und gar nicht! Und warum nicht? Weil Mitch Ryder eben nicht nur ein hervorragender Sänger sondern auch Songwriter und Komponist ist, weil er sich nie mit dem Erreichten zufrieden gibt, immer wieder Neues entdeckt und Bestehendes neu interpretiert, verbessert, seine Zuhörer überrascht, auch ganz im Sinne eines seiner Vorbilder: Bob Dylan.

Ich war dieses Jahr bereits auf den hervorragenden Konzerten in der Bonner Harmonie sowie in der Scheuer in Idstein und ganz kurz hatte ich überlegt, ob ich aus Zeitgründen den Frankfurter Auftritt auslassen sollte…natürlich bin ich dann doch in den Sinkkasten gefahren und ich wurde reichlich belohnt! Es war ein besonderes Konzert, das sich immer weiter steigerte, das eine besondere Dichte erhielt und der Jubel des Publikums bestätigte mir, dass ich mit diesem Eindruck nicht alleine war! Auch alte Bekannte waren wieder zu begrüßen, unter anderem Jutta und Ralph, die so viel für spitting-lizard beisteuern, Kurt aus dem Westerwald und auch Bill aus USA war wieder mit von der Partie. 
Die Setlist war zwar die gleiche wie im Konzert in der Scheuer, aber es kam zu keiner Sekunde auch nur ein Anflug von Langeweile auf!!! Wie geht das??? Nun, ich würde sagen, da ist zum einen der Künstler Mitch Ryder, der einen Song jedes Mal ein bisschen anders bringt, andere Akzente setzt, mal hier mehr Druck und einen neuen Scream oder dort mal etwas wenige Power aber dafür eine stimmliche Variante anbringt und dann ist da Begleitband Engerling: sie ist für mich mittlerweile DIE perfekte Begleitband für Mitch´s Art von Musik und Performance. Alle Musiker beherrschen ihre Instrumente auf höchstem Niveau, haben Spaß an dem, was sie tun, sie verstehen, was Mitch mit seiner Performances ausdrücken will und unterstützen es optimal um. Und auch sie sind immer wieder für Varianten offen, neue Arrangements, geänderte Soliparts etc. Und wenn dann diese gemeinsamen Anstrengungen noch durch einen guten Soundmix (danke Lutz!) unterstützt werden, steht einem perfekten Musikabend nichts mehr im Wege!

Bereits die ersten drei Songs des Abends – Back At Work, Long Hard Road und Ain`t Nobody White belegten eindrucksvoll das musikalische und stimmliche Spektrum von Mitch Ryder und die Fähigkeiten der Band. An Long Hard Road hat mir neben der ungestümen Energie insbesondere der geänderte, langsamer und melodischer gesungene Mittelteil gefallen. Tja, und dann kam mit All The Fools It Sees eine Nummer, die eindrucksvoll belegt, wie innovativ Mitch unterwegs ist. Er singt in dieser langsamen Bluesnummer Töne an, die er vorher noch nie brachte und die, wie ich vermute, auf diesem Planeten in dieser Art gesungen kein anderer Sänger hinbringt, er schraubt sich in Höhen und Intensitäten, die einem eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagen – eindrucksvollster Blues eben!

Als nächstes hat mich das wieder mal geänderte Intro zu Red Scar Eyes umgehauen: Was Bandleader Boddi Bodag und Gitarrist Heiner Witte da geradezu zärtlich aus ihren Instrumenten zauberten, wie sie mit der Melodie und den Tönen gespielt haben, war ganz große Klasse! Ich kenne diese Nummer nun auch schon seit Jahren, aber das war die Krönung. „Bisher“ muss man ja sagen, weil ich jetzt schon gespannt bin, was sie nächstes Jahr auf Lager haben.

Direkt hintendran der nächste Überraschungskracher: The Terrorist. Was für eine großartige Variante! Mitch´s Gesang steigert sich im Laufe der Nummer sehr eindrucksvoll und spätestens, wenn er im Refrain den Terroristen mit verzweifelter Stimme schreien lässt „I need LOVE...terrifying love….“ reißt es einen mit. Die Band unterstreicht die Steigerungen gekonnt und legt einen prächtigen Soundteppich aus. Spätestens hier müsste auch jedem Novizen im Publikum deutlich geworden sein, dass Boddi Bodag an den Keys und Harp, Heiner Witte an der linken Gitarre, Pitti Piatkowski an der rechten Gitarre und die Rhythmusabteilung Manne Pokrandt am Bass sowie Hannes Schulze am Schlagzeug auf internationalem Niveau spielen.
Das folgende Moondog House kam so wunderbar rüber wie ein großes, gut abgehangenes saftiges Steak, das in den Sümpfen mediumraw gegrillt wurde.

Eines meiner ewigen Lieblingslieder wurde ebenfalls überarbeitet: War,  das eine treibende Kraft von Drums und Bass so einzigartig mit Gitarrensoli und dem Gesang von Mitch kombiniert. Besonders gefiel mir hier der neue Orgelpart: Boddi legte da eine Spannung rein, dass man sich sehr an „Apocalypse Now“ erinnert fühlte. Es ist ja schließlich auch ein Anti-Kriegs-Lied. 
Als nächstes ging es um Kinder, deren Eltern sich trennen und die deswegen unter den Folgen leiden. Mitch bittet mit herrlich einfühlsamem Gesang Dear Lord, Won`t You Help This Child und Boddi lässt die Harp dazu wunderbar erklingen. Eine weitere Perle!

Es folgt Freezin` In Hell, eine sehr beeindruckende Nummer, denn niemand kann besser rüberbringen, wie es ist, in der Hölle zu frieren, als Mitch Ryder. Übernatürliche Schreie des Shouters lassen es einen hautnah miterleben… 

Und dann All Along The Watchtower: genial, welches neue Leben dieser tollen Nummer durch Mitch`s Gesang und dem Spiel der Band eingehaucht wurde. Hier - und auch in anderen Songs - konnte sich Gitarrist Pitti Piatkowski zur Freude des Publikums in einzigartigen und mitreißenden Soli ergehen. 

Das folgende Hot House bereitete mir ebenfalls besondere Freude. Zum einen, weil Mitch es mit deutlich mehr Druck als im Studio-Original sang und des Weiteren, weil die Band den gesamten Song mit mehr Schwung und Varianz spielte. Boddie`s Keybordsound fand ich hier besonders gut.

Wenn Mitch eine „Ballade“ ankündigt und die Zuhörer wissen lässt, dass er jetzt mal eine ruhigere Nummer bringen möchte, um der Kritik zu entgehen, seine Musik sei ja wohl „zu agressiv“, dann denkt der geneigte Zuhörer „Ach ja, jetzt kommt was gemütliches“ aber der Insider weiß „ÜBERRASCHUNG“, denn auf Hannes` Kommando fegt ein Orkan los! Das geniale Tough Kid sorgt dafür, dass diesen Abend niemand ohne Grinsen auf dem Gesicht und ohne komplett frei geblasene Gehörgänge nach Hause geht.

Das war dann „schon“ der Hauptteil der Show, aber das Publikum machte sehr deutlich, dass es die Akteure ohne Zugaben auf keinen Fall entschwinden lassen wollte. Das Publikum johlte und klatschte frenetisch und Mitch kam mit einem Grinsen im Gesicht und sich im Takt der Klatscherei wippend zurück auf die Bühne. Mit The Wind Cries Mary ging die Gänsehautproduktion in die nächste Runde. Was für eine geniale Version! Ach hätte doch Mitch nur nicht, wie er als Einleitung erzählte, damals das Angebot von Jimmie Hendrix ausgeschlagen, in seiner Band zu singen…was wären da für geile Songs rausgekommen…

Liberty holt einen fröhlich-funkig aus den Träumen. Diese Nummer begeistert, weil in ihr so viel Rhythmus und Power steckt, sie zwischendrin immer die Fahrt herausnimmt, sich zweimal „im Kreis dreht“ und dann wieder schlagartig beschleunigt. Dieser Song stammt aus der Zeit, als Mitch eine LP mit Booker T. & The MG´s („The Detroit Memphis Experiment“) aufnahm.

Die beiden folgenden Zugaben Little Latin Lupe Lu und Jenny Take A Ride stammen aus der Zeit als Mitch Ryder mit seiner damaligen Band „Detroit Wheels“ in den USA auf einer Erfolgswelle surfte. Ihnen wurde zugeschrieben, mit ihrer Musik die Brücke zwischen dem schwarzen Soul und dem weißen Rock`n Roll gebaut zu haben. Beide Nummern, obwohl ich sie schon so oft gehört habe, begeisterten vollends, insbesondere auch, weil die Band sie so hervorragend lebendig spielte und Mitch sie präsentierte, als hätte er sie gestern frisch geschrieben!

Damit waren ruckzuck 4 Zugaben vorbeigerauscht und Mitch verabschiedete sich ein weiteres Mal von seinem begeisterten Publikum. Doch wir hatten immer noch nicht genug und so kam der Bassist Manne Pokrandt als erster auf die Bühne zurück. Eingeweihte wissen, dass jetzt die Zeit für ein Basssolo gekommen ist. Dieses Mal hatte Manne zusätzlich ein kleines Spielzeug mitgebracht: mit einem Loopsystem loggte er ein fettes Rhythmusthema ein und spielte in Folge „mit sich selbst“ Bass. Eine tolle Variante, die dem Solopart neuen Pepp beisteuerte. Das war die Einleitung zum dann wirklich letzten Song dieses wunderbaren Abends: „Soulkitchen“. Eine wahrhaft faszinierende Nummer, insbesondere live. Als Mitch sang: 
“Well the clock says it's time to close now
I guess I'd better go now
I'd really like to stay here all night…”
brandete spontaner Applaus auf und man sah einigen Gesichtern an, dass sie am liebsten gerufen hätten, „Dann mach´s doch, bleib einfach hier und wir lauschen noch ein paar Stündchen dieser wunderbaren Musik…“.

Auch der schönste Abend muss einmal zu Ende gehen und so gingen dann nach ca. 2 ½ Stunden Konzert die Lampen im Saal an. Leute, wo bekommt man noch so ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis: für paarundzwanzig Euro einen einzigartigen Sangeskünstler nebst perfekter Band und das 2 ½ Stunden lang. Rechnet Euch das mal auf ein Ticket der Superstars hoch, die ihr dann in der Ferne als hüpfende Pünktchen in einem Soundbrei wahrnehmen könnt…also, CU next year!

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