Erstaunlich rüstig 

Am Anfang konnte man Angst bekommen. Da enterte ein älterer Herr mit Sonnenbrille und Baseball-Cap die Bühne der Bongo Bar und fing an, mit brüchiger Stimme über sein Alter zu sinnieren und darüber, dass „München das letzte Mal nicht gut zu mir war“. Dies in Begleitung von fünf etwas jüngeren Kerlen, deren Haartracht aussah, als stamme sie original aus den 70ern. Unten im Saal dominierte ebenfalls die Generation, die seinerzeit von den „Rockpalast“-Konzerten musikalisch konditioniert wurde. 
Dort nämlich hatte vor über 20 Jahren dieser ältere Herr namens Mitch Ryder einen spektakulären Auftritt, der ihm bis heute Publikum in Deutschland sichert. Es war damals das Comeback eines gefallenen Rockhelden, der noch vor Woodstock die weiße R&B-Hoffnung des Motown-Labels gewesen war, sich aber mit grauenhaften Las-Vegas-Shows die große Soul-Karriere versaut hatte. 
Jetzt, 35 Jahre später, fand Ryder aus anfänglichem Lamento rasch zu Produktiverem. Die Stimme wurde warm und brachte das unverwechselbare, kehlig- rauchige Timbre zunehmend besser heraus. Und weil auch die Band aus Ryders erdigen (und textlich recht interessanten) Songs wie „Mercy“, „Ain’t No White Can Sing The Blues“ oder „Soul Kitchen“ immer reineren Stoff für die R&B- Süchtigen machte, wurde aus der anfangs gruseligen Zeitreise schnell ein mitreißender Abend im Hier und Jetzt. Eines der seltenen Konzerte nämlich, die durch echte Gefühle und Lebenserfahrung in ihren Bann ziehen, statt dies – Entschuldigung, Kylie, Alizeé oder Britney – durch Ekstase aus der Retorte zu versuchen. 

OLIVER HOCHKEPPEL 

Münchner Kultur, Aktuelle Kritik, 07.02.2002 München Seite 48 – Bayern Seite 48
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Verirrt in Las Vegas

Als Mitch Ryder 1967 in einer Show des legendären New Yorker DJs Murray The K auftrat, gab es gleich zwei Bands, die das Eröffnungsprogramm für den weißen Soul-Sänger aus Detroit bestritten: The Who und The Cream. Das zeigt zweierlei: Zum einen war Ryder damals eine der größten Zugnummern im US-Popgeschäft; zum anderen begegneten sich bei Murray The K drei Karrieren auf verschiedenen Wegen. The Who und The Cream standen unmittelbar vor ihrem Durchbruch als Weltstars; Ryder hingegen hatte sich gerade von seiner Band getrennt und sollte kurz darauf unter dem Einfluss windiger Berater eine Las Vegas-Show-Platte mit dem Titel „What Now My Love“ veröffentlichen, die in seiner Biographie als „das schrecklichste aufgeblasene Stück Mist“ bezeichnet wird, das je ein ernst zu nehmender Künstler veröffentlicht hat. 
Mit der Karriere ging es schnell bergab, erst in den Achtzigern fasste Ryder vor allem in Europa wieder Fuß. Seine Soloalben wurden nun bei der deutschen Plattenfirma Line veröffentlicht – eine bittere Ironie für einen begnadeten Sänger, der einst als größte Hoffnung bei Motown galt. Mit seinen neueren Platten knüpfte Ryder trotzdem wieder an alte Qualitäten an und bewies, dass er in der Interpretation alter R’n’B- und Soul-Klassiker unübertroffen bleibt. 

berg 
Mitch Ryder, Di., 5. Feb., 21 Uhr, Bongo Bar, Grafinger Straße 6, 490029 28

SZ extra, 31.01.2002, Seite 10

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